Wie aus Berlin eine Metropole wurde

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Stadtpläne zeigen das Wachstum – Wie aus Berlin eine Metropole wurde

Illustration vom Wachstum Berlin ab 1806 bis 2019 – und die erstaunliche Haltbarkeit uralter Grenzen.

Von 1806 bis 2020: Vier Karten zeigen die Veränderung Berlin.

Die Dörfer um die Königliche Haupt- und Residenzstadt Berlin ähneln sich. Ob Pankow oder Lichtenberg, Steglitz oder Lankwitz: ein, zwei Dutzend Bauernhöfe links und rechts der Kirche, ein paar bescheidene Kossätenhäuser noch und ringsum Äcker entlang der mit Schlammlöchern gespickten Landstraßen.

Gut, durch Schöneberg und Zehlendorf führt die neuerdings gepflasterte Potsdamer Chaussee für Seine Majestät. Tempelhof sticht ebenfalls hervor mit seinem Truppenübungsplatz südlich des Halleschen Tors. Nicht zu vergessen auch die Prachtschlösser in Cöpenick und Friedrichsfelde und erst recht in Lützow, das neuerdings als Königliche Residenzstadt Charlottenburg Karriere macht. Aber sonst? Kennste eins, kennste alle.

Der Stadtplan von 1806 zeigt diese Monotonie der wie Waben über die Felder verteilten Dörfer sehr anschaulich. Nur das Urstromtal von Spree und Havel mit seinen Wäldern von der Cöllnischen bis zur Parforceheide hebt sich deutlich ab.

Ein dreiviertel Jahr Arbeit

Gerd Gauglitz hat für seinen Plan das Jahr 1806 gewählt, weil es kurz vor dem Beginn eines mehr als hundert Jahre währenden Bau- und Wirtschaftsbooms lag und die Verhältnisse noch etwa so waren wie seit dem Mittelalter. Außerdem fand sich eine geeignete Vorlage aus der Feder des Stadtarchivars Paul Clauswitz.

„Das war jetzt ungefähr ein dreiviertel Jahr Arbeit“, sagt Gauglitz, als er die Karte in seinem nicht wirklich repräsentativen Atelier in einem Hof am Mehringdamm ausbreitet. „Berlin – Geschichte des Stadtgebiets in vier Karten“, heißt das Werk, das auf Gauglitz’ höchstpersönlichem Erfolgsrezept beruht: Pläne aus mehreren Jahrhunderten, aber in modernem Layout und so als Quartett broschiert, dass sich die Karten beim Auseinanderfalten über die vier Ecken direkt nebeneinander legen.

1806: Berlin ernährt sich dank der gleich nördlich gelegenen Feldmark mit ihren fruchtbaren Böden.

1806: Berlin ernährt sich dank der gleich nördlich gelegenen Feldmark mit ihren fruchtbaren Böden.

So hat das Gauglitz, der in der Vor-App-Zeit sein Geld mit modernen Plänen verdiente, aber im Herzen schon immer Stadthistoriker war, zuvor bereits mit Berlin-Plänen gemacht. Sein neues Werk zoomt etwas weiter heraus und erfasst dadurch auch das Umland, in dem die Grenzen von Orten und Kreisen ebenfalls Geschichte erzählen.

Bei manchen Geschichten hilft der Begleittext als Augenöffner: „Die Siedler aus dem Westen rodeten den Wald und pflügten den Boden, bis sie auf ihre Nachbarn trafen, die dasselbe taten“, erklärt Gauglitz die Wabenstruktur der Dörfer. Auf dem Barnim wie auf dem Teltow wurde Dreifelderwirtschaft betrieben: Sommergetreide, Wintergetreide, Weideland – gerade groß genug zur Selbstversorgung.

„Überschuss bedeutete Reichtum“, sagt Gauglitz. Die Dorfstruktur ergibt sich daraus, was die Bauern zu bewirtschaften vermögen. Die Kreisgrößen entsprechen etwa dem Aktionsradius der berittenen Verwaltungsbeamten. Die Kolonisten, die der König vor allem im 18. Jahrhundert etwa aus der Pfalz geholt hatte, siedeln in den Wäldern – zwangsläufig, denn der Ackerlandbesitz, der die Dörfer ernährt, ist nicht verhandelbar.

Wo der Wald intakt ist, treffen die Wege in „Jagdsternen“ aufeinander. Nur der Grunewald ist 1806 bereits in rechteckige „Jagen“ eingeteilt – der Sieg der Forstwirtschaft über die adlige Jagdlust. Erreichbar sind die großen Forsten durch schnurgerade Schneisen. Das „Große Hauptgestell“ von Charlottenburg südwestwärts ist nun die Avus, das Adlergestell vom Schlesischen Tor nach Südosten heißt in Teilen noch heute so.

1920: Stadtnahen Dörfer werden selbst zu Städten

Auf der Karte von 1920 sind die stadtnahen Dörfer selbst zu Städten geworden und soeben nach Groß-Berlin eingemeindet worden – veranlasst von Oberbürgermeister Adolf Wermuth, zu dessen Fan Gauglitz über die Recherche geworden ist. Wermuth habe die Verwaltungsstruktur der Realität angepasst, trotz vieler Widerstände: Die konservativen Preußen wollten das liberale Berlin kleinhalten, Landräte fürchteten um ihre Macht.

Nun durchziehen Straßen und Bahnlinien das Umland, das den an vielen Stellen schon weit über den S-Bahn-Ring hinausgewachsenen, vom Weltkrieg gebeutelten 3,8-Millionen-Moloch mit Nahrungsmitteln versorgen muss. Während in den Hinterhöfen der Innenstadt kein Sonnenstrahl den Boden erreicht, erblühen in der Peripherie die Gartenstädte.

1920: Die Bildung von Groß-Berlin geschah gegen den Widerstand konservativer Preußen.

1920: Die Bildung von Groß-Berlin geschah gegen den Widerstand konservativer Preußen.

Auch die Landschaft hat sich 1920 verändert: Spree und Havel sind teilweise begradigt, vom Hermsdorfer See nur noch das Tegeler Fließ und ein paar feuchte Keller übrig. Wo sich Teiche von Mariendorf bis Teltow zogen und die Bäke zum Griebnitzsee floss, verläuft nun der Teltowkanal. Das alte Stadtgebiet ist willkürlich in sechs Bezirke eingeteilt, von denen zwei beim Magistrat bald ihre Umbenennung beantragen: Hallesches Tor wird Kreuzberg und Prenzlauer Tor Prenzlauer Berg.

Den Wunsch der einstigen Umlandgemeinde Reinickendorf, sich zu Ehren der in Tegel aufgewachsenen Brüder „Humboldtstadt“ zu nennen, lehnt der Magistrat ab. Das wegen seiner Amüsierlokale verrufene Rixdorf, das sich im Interesse seines Leumunds schon 1912 in Neukölln umbenannt hatte, behält diesen neuen Namen. Döberitz ist von der Karte verschwunden: Es fiel einem Truppenübungsplatz zum Opfer.

Gab es Atomraketen in Grunewald?

In der Karte von 1988 beeindrucken Gauglitz vor allem die Munitionsdepots im Grunewald: Mehrere Quellen hätten ihm versichert, dass dort auch Atomraketen gelagert worden seien. Der „Außenring“ der DDR-Reichsbahn umkurvt West-Berlin, vom Pendant für den Autoverkehr ist erst die Nuthestraße fertig. Sie führt durch den Potsdamer Stadtteil Babelsberg, der einst Nowawes hieß, was den Nazis jedoch zu slawisch klang. Die Sektorengrenzen folgen den bei einer Bezirksreform von 1938 verschobenen.

„Das Jahr 1988 habe ich gewählt, weil da die Teilung voll ausgeprägt war“, sagt Gauglitz mit einem Fingerzeig auf getauschte Gebiete und riesige Grenzkontrollstellen an den Transit-Autobahnen.

2020 überrascht kombiniert mit anderen Karten

Die vierte Karte ist von 2020 und überrascht erst in Kombination mit den anderen: Ob Teltow, Biesdorf oder Mahlsdorf – viele Orte befinden sich noch weitgehend in ihren mittelalterlichen Grenzen. Ahrensfelde und Hönow sind von Marzahn und Hellersdorf angenagt worden, und vor allem südlich der seit mittlerweile 100 Jahren fast konstanten Groß-Berliner Stadtgrenze sind die Dörfer zu Vorstädten gewachsen.

Um Schönefeld mit dem Flächenfresser BER fällt dieses Phänomen besonders ins Auge. „Gemäß amtlicher Verlautbarung habe ich den BER mit allen Bahnlinien eröffnet und Tegel geschlossen“, sagt Gauglitz.

So ist das Nest Berlin, das sich im Mittelalter eher zufällig gegen die ebenso günstig am Fluss gelegenen Konkurrenten Spandau und Cöpenick als regionales Zentrum durchgesetzt hat, mit seinem Umland zu einer gut 1000 Quadratkilometer großen Fünf-Millionen-Metropolregion gewachsen.

775 Jahre Berlin Vereint: Die Königliche Haupt- und Residenzstadt

Der Berliner Stadtplan von 1737 hat eine unter Stadthistorikern berühmte Vorlage: den Dusableau-Plan von 1723.

Im alten Stil. Der Cöllner Fischmarkt mit dem Cöllner Rathaus, auf einem Kupferstich von Jean Rosenberg (1785). Foto: bpk

Im alten Stil. Der Cöllner Fischmarkt mit dem Cöllner Rathaus, auf einem Kupferstich von Jean Rosenberg (1785). Foto: bpkFoto: bpk / Kunstbibliothek, SMB / Die

775jahre,Dusableau, Johann Friedrich Walther Endlich Farbe! Heute ein unverzichtbares Gestaltungsmittel der Kartographen, um das sich die ersten Zeichner von Stadtplänen wenig gekümmert haben. Der Schöpfer des abgebildeten Planes von 1737 dagegen schon, und auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten die unterschiedlichen Farbtöne auch etwas zu bedeuten und symbolisierten etwa die verschiedenen Phasen der Stadterweiterung. Irrtum, die Farbe hat hier weitgehend dekorative Funktion. So sind Friedrichswerder und Dorotheenstadt im selben Pink-Ton gehalten, obwohl sie doch nacheinander entstanden waren.

Die Karte, die „Die Königl. Preus. u. Churf. Brandenburg. Residenz-Stadt Berlin“ zeigt, stammt von dem Kartographen Johann Friedrich Walther und erschien beim Nürnberger Verlag Homann Erben. Allerdings geht sie auf einen älteren Plan zurück, der aktualisiert und verbessert wurde. Es handelt sich um den unter Berliner Stadthistorikern berühmten Dusableau-Plan von 1723, der mehreren Zeichnern als Vorlage diente. Er trägt den Namen von Abraham Guibert Dusableau, Oberstleutnant und „Feldmesser“, wie sein Beruf damals hieß, der offenbar in den ersten Regierungsjahren des seit 1713 herrschenden Soldatenkönigs den Auftrag zur Zeichnung des Stadtplans erhielt. Seine Arbeit gilt als der erste reine Grundriss Berlins, er wurde aber erst kurz nach seinem Tod durch den Verleger Georg Paul Busch in Kupfer gestochen und publiziert, die Originalzeichnung ist nicht überliefert. Auch auf dem Dusableau-Plan taucht die Mohrenstraße bereits auf, immerhin trug sie also schon 1723 diesen Namen.

Jener Stadtplan ist für Historiker so interessant, weil er die Stadt ziemlich genau zu der Zeit zeigt, als Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt mit Wirkung vom 1. Januar 1710 endlich zur Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin zusammengefasst wurden. Eine einheitliche Gemeinde mit 4100 Häusern und 56 000 Bewohnern war entstanden, davon gehörten rund 5000 Mann der Berliner Garnison an. 13 Kirchen, ein Kloster und und vier Spitäler mit Kapellen gab es in der Stadt.

Auf dem vorliegenden Plan von Walther – wie der zugrunde liegende Dusableau-Plan nicht wie heute üblich nach Norden, sondern nach Süden ausgerichtet – ist dieser Zustand bereits wieder Vergangenheit. Die Friedrichstadt ist inzwischen nach Süden erweitert worden und zeigt bereits den noch heute den Stadtgrundriss prägenden Dreiklang von „Rondel“, „Acht-Eck“ und „Quarré“, woraus Mehringplatz, Leipziger Platz und Pariser Platz wurden. Leicht zu identifizieren sind der heutige Boulevard Unter den Linden und die Straße des 17. Juni, die damals noch die „Allee nach Charlottenburg“ war. Auch verzeichnet der Plan noch die barocke Festungsanlage, deren Abbruch kurz zuvor schon begonnen hatte. Ersetzt wurde sie durch die das Stadtgebiet umschließende, ebenfalls gut erkennbare Akzise- oder Zollmauer, die aber nur noch den Schmuggel verhindern und die Soldaten davon abhalten sollte, zu desertieren.

Einen Eindruck, wie die Stadt damals wohl ausgesehen hat, vermittelt ein „Prospect“, der dem Grundriss unten angefügt wurde. Gezeigt wird Berlin von Nordwesten aus, gleich links an der Flussbiegung liegt die Weidendammer Brücke, damals noch eine Holzkonstruktion. Aus der Silhouette der Stadt ragen besonders die Marien- und die Nikolaikirche hervor, letztere noch nur mit einer Turmspitze.

Am rechten Rand markieren die am jenseitigen Flussufer liegenden Kähne etwa den Ort, an dem 1681 eine Werft zum Bau hochseetüchtiger Segler angelegt worden war. Die Schiffsrümpfe wurden über die Flüsse zur Küste transportiert und erst dort aufgetakelt.

Andreas Conrad

Auf den ersten Blick hat das Berlin von heute wenig mit dem von vorgestern gemein. Aber auf den zweiten und dritten ganz viel: Die alten Dorfkerne mit ihren Kirchen sind bis heute erkennbar. Und ringsherum wurde angebaut.